Skip to main content

Seid ihr nun mit Christus aufer­standen, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.

Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.

Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.

Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann wer­det ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.

Kolosser 3, 1 – 4

Die Freude dieser Worte über­brückt die Jahrhunderte, der überschwängliche Jubel kommt direkt bei uns an. Der Autor des Bibeltextes spricht von der Auferstehung Jesu. Über­raschend sagt er jedoch auch, dass wir bereits auferstanden sind!

Wir Menschen, so ganz verhaftet dem Rhythmus von Tag und Nacht, Arbeit und Freizeit, gelingender und missratener Zeit, den Tod unausweichlich vor Augen, sollen jetzt schon auferstanden sein? Da mutet uns die Bibel wie so häufig Einiges zu. Offensichtlich kommt es auf die Perspek­tive an: Nicht aus der Froschperspektive zum Himmel geht der Blick, wie wir das normalerweise tun. Sondern genau umge­kehrt: Von Gott her gesehen, aus unendli­cher Weite hinab zur um sich selbst eiern­den Erdkugel, ist der Tod bereits überwun­den. Der Tod gilt nicht mehr, wenn ein Mensch zum Glauben an Jesus Christus findet. Da ist die Auferstehung schon ge­schehen. Wer das etwas ungewöhnlich, ja allzu verwegen findet, mag daran denken, dass Gott in seiner unendlichen Freiheit sich sicher nicht an menschliche Vorstel­lungsmuster hält.

Also: „Seid ihr nun mit Christus auferstan­den, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“ Keine Missverständnisse: Wir werden nicht auf­gefordert „abzuheben“ und den Auferstan­denen irgendwo im Weltall zu suchen.

Das Wort „Droben“ bedeutet keine Ortsbe­zeichnung, sondern den Hinweis auf eine völlig neue Dimension, die Gott mit der Auferweckung seines Sohnes eingeführt hat. Drei-, ja vierdimensional haben die meisten von uns gelernt zu denken, in Raum und Zeit hinein. Diese Dimension aber geht weit über das hinaus, was in den Forschungslabors unserer Erde er­dacht werden kann. „Die Rechte Gottes ist überall“ – so hat es ein Theologe während der Aufklärung formuliert. Und schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche haben es die alten Kirchenväter in ihre Bekenntnisse geschrieben: omnipotent, omnipräsent – allmächtig, allgegenwärtig – Dimensionen Gottes! Unserer Vorstellungskraft bewusst entzogen. Und gleichzeitig gilt: Was der Kolosserbrief mit dem Wort „droben“ meint, ist uns Menschen zu jeder Zeit hautnah gegenwärtig. „Die Rechte Gottes ist überall“, d. h. an Ostern und an allen anderen Tagen des Jahres: Die Rech­te Gottes ist überall, also auch bei mir!

Was für ein befreiendes Wort: Der Aufer­standene, der zur Rechten Gottes sitzt und damit überall gegenwärtig ist, bleibt auch mir nahe und jedem Wesen dieser Erde. Haben wir das vor Augen, wird es uns leichter fallen, mit den Mitmenschen und mit der Schöpfung umzugehen. Denn sind sie nicht alle zusammen Wohnung Jesu Christi? In den Leitlinien des Global Mar­shall Plans für eine gerechte Weltordnung, wie sie in der letzten Gemeindezeitung veröffentlicht waren, kommt dies zum Ausdruck.

Ganz unmittelbar zeigt sich der Aufer­standene im Wort der Bibel und in Brot und Wein. Hören wir sein Wort, sind im Abendmahl seine Gäste, bekommen wir die Osterfreude mit auf den Weg:

Die Rechte Gottes ist überall, also auch bei uns, bei mir – an Ostern 2010 in Frankfurt!

Andrea Braunberger-Myers, Pfarrerin